Schiessstände bereiten bleischwere Sorgen

Das Aufrüsten der Schiessstände und das Entsorgen des verschossenen Bleis in den Kugelfängen bereitet den Gemeinden in der Region Kopfzerbrechen. Vor allem auch, weil die Mühlen des Staatsapparates langsam drehen. Was in welchem Zeithorizont erfüllt sein muss, wissen die Gemeinden meist nicht. Neben diesen Fragen scheint nur etwas klar zu sein: Die Kosten dürften schwerwiegend ausfallen. Auch deshalb gibt es im oberaargauer Teil des UE-Gebiets bisher keine Gemeinde, welche sich von den Blei-Sorgen bereits befreit hat.

Im Jahre 1920 wurde in der Schweiz die Schiesspflicht wiedereingeführt. Seither haben tausende und abertausende Schiesspflichtige Millionen von Schüssen in den Schweizer Boden abgefeuert. Auch in der Region wurden zigtausende obligatorische Schiessübungen durchgeführt, sodass die Kugelfänge von Pistolen- und Sturmgewehrmunition praktisch überfüllt sind. Diese Altlasten sollen gemäss einem Erlass des Bundes nun beseitigt werden. Blei ist giftig und umweltschädlich und muss deshalb aus dem Boden entfernt werden. Besonders für Gemeinden mit mehreren Schiessständen wird dies zum Problem. Denn die geschätzten Kosten für jede einzelne 300-Meter-Scheibe betragen rund 25 000 Franken, zwischen 10 000 und 12 000 Franken werden für Pistolen- und Klein-kaliberschiessscheiben geschätzt. Davon mussten die Gemeinden und Schützenverbände zuletzt jeweils rund zwanzig Prozent der Nettokosten übernehmen. Trotz den Subventionen von 8000 Franken pro 300-Meter-Scheibe durch den Bund und einem weiteren Beitrag durch den Kanton, bleibt ein grosser finanzieller Aufwand für die Gemeinden und die Schützenvereine bestehen.

 

Frage überregional lösen

KostenDie Bürger der Gemeinde Lützelflüh haben in der Vergangenheit in neun verschiedenen Schiessständen ihre militärische Pflicht erfüllt und ihrem Hobby gefrönt. Heute sind noch zwei 300-Meter-Schiessstände in Betrieb, in denen auf zwölf Scheiben geschossen wird. Zudem sind laut Gemeindeverwalter Ruedi Berger Pistolenschiessplätze in zwei Ständen in Betrieb. Alleine die Renovation der bestehenden Anlagen Froumatt, Brandis (beides Pistolenstände), Ranflüh und Grünenmatt wird schwer zu stemmen sein, die Altlasten der teilweise seit über 50 Jahren stillgelegten Anlagen bereitet weiteres Kopfzerbrechen. «Für unsere kleine Gemeinde sind das happige
Beträge. Insbesondere, weil wir die Kosten vorfinanzieren müssen», stellt Gemeindepräsident Andreas Meister fest. Ausgewählte Personen seien deshalb dabei, einen Masterplan zu erstellen. «Wir wollen wenigstens die aktiven Stände fit machen», sagt Meister weiter, zugleich kann er eine Stilllegung einer Anlage nicht ausschliessen.

Die Frage, wie es weiter gehen soll, stellen sich die meisten Gemeinden. Besonders weil die obligatorische Schiesspflicht im politischen Kreuzfeuer steht. Wird die Pflicht aufgehoben, stehen mehrere Schiessvereine vor dem Ende. Die Gemeinden hätten ausserdem keine gesetzliche Pflicht mehr, Schiessmöglichkeiten zu bieten. Und deshalb ist die Sanierung ein überregionales Thema, wie Martin Jampen von der Gemeinde Huttwil sagt. «Die Frage ist: Wie viele Anlagen brauchen wir im Emmental und Oberaargau, wenn die Schiesspflicht fällt? Das müssen wir überregional diskutieren.» Um alleine die Diskussion anzustossen und ein gemeindeübergreifendes Projekt zu lancieren, fehlen aber die Personal-Ressourcen. «Es macht keinen Sinn, etwas zu sanieren, das nach der möglichen Aufhebung der Schiesspflicht in wenigen Jahren gar nicht mehr gebraucht wird», so der Huttwiler Gemeindeschreiber weiter. Zurzeit wird in Huttwil auf insgesamt 26 Scheiben in den Ständen Häbernbad und Rüttistalden geschossen. Mindestens von 36 Scheiben bestehen aber bleierne Altlasten, und gerade beim Häbernbad, wo kein Lastwagen zu den Scheiben gelangen kann, dürfte die Sanierung der Kugelfänge besonders schwer fallen.

 

Projekte auf Eis gelegt

Umso bitterer ist die Situation in Madiswil. Dort wurde der Schiessstand Tränke im Jahr 2006 für rund 50 000 Franken saniert. Das Blei wurde abgetragen, jedoch gab es damals keine Vorschrift für neue Kugelfänge. Was zuerst für gut befunden wurde, ist aufgrund von neuen Auflagen wieder überholt. Das seither verschossene Blei müsste erneut abgetragen werden, zudem sind weiterhin neue Kugelfänge nötig, um den Stand nach 2020 weiterhin zu nutzen. Auch deshalb wollen die Linksmähder vorerst auf weitere Entscheidungen von politischer Seite warten. Ebenso ist das Projekt in der Nachbargemeinde Lotzwil auf Eis gelegt. Die schwindende Anzahl Mitglieder in Schiessvereinen sowie die drohende Aufhebung der Schiesspflicht lassen die Gemeinde zögern. Auch Eriswil und Bleienbach warten noch, weil das Projekt nicht an oberster Prioritätenstelle steht. Beim stillgelegten Stand in Eriswil geht es hingegen nur um die Altlasten, in Bleienbach wird derzeit noch geschossen.

GefahrenNicht gezögert hat hingegen Langenthal. In der Schiessanlage Weiher sind seit 2010 moderne Auffangsysteme montiert, sodass die Fortbestehung des Schiessstandes nach 2020 gesichert ist. «Es ist eine Überlegung wert, die Schiessbewegung zu regionalisieren. In Langenthal sind wir gut ausgerüstet, zudem ist im Weiher die Lärmbelastung für die Bevölkerung klein», sagt Andreas Ryf von der Betriebskommission Weiher. Das Abtragen der Altlasten dränge hingegen nicht, da laut den kantonalen Vorgaben kein Handlungsbedarf besteht. Altlasten bestehen in Langenthal aber nicht nur im Weiher, sondern auch im Hirschpark. Dort wurde vor Jahren geschossen, heute weisen nur noch ein Gefahrenschilder auf diese Epoche hin. «Für die Altlasten hat niemand Geld», schmunzelt Ryf und verweist auf die insgesamt 46 Scheiben im Schiessstand Weiher, wobei auf 24 Scheiben aus einer Entfernung von 300 Metern geschossen wird. Der Vorteil, der sich Langenthal zu Eigen macht, ist, dass für einige Anlagen kein Zeithorizont für die Bodensanierung vorgesehen ist. Bei Arbeiten nach 2020 müsste die Oberaargauer Stadt aber auf Subventionen von öffentlicher Hand verzichten.

 

Vorerst sorgen-, nicht aber bleifrei

Speziell ist die Situation insbesondere in Melchnau. Denn dort gehört der Schiessstand dem ortsansässigen Verein, zudem besteht eine kantonsübergreifende Beteiligung aus Altbüron. Und nicht nur das: Der Schiessstand ist mit neuen Kugelfängen ausgestattet und deshalb als einer von wenigen bereit, nach 2020 weiterzuschiessen. «Wir würden gerne weitere Vereine in unserem Schiessstand Fischbächli aufnehmen», sagt Martin Schär, Präsident der Melchnauer Schützengesellschaft. Neben dem Installieren neuer Kugelfänge sei ausserdem die Elektronik erneuert worden. Die Gesamtkosten von 89 000 Franken haben grösstenteils die Gemeinden Melchnau und Altbüron übernommen. Die Vereine selbst haben Eigenleistungen betrieben und mit dem Auflösen der Pistolenschützenabteilung 8000 Franken Vereinsvermögen beigesteuert.

 

Das Problem drängt nicht

Die eher defensive Haltung der regionalen Gemeinden lässt sich erklären: Viele wissen nicht, ob die Blei-Entfernung an ihren Schiessständen gemacht werden muss oder nicht. Sumiswald beispielsweise verweist auf einen Orientierungstermin beim Statthalteramt Langnau. So sagt Gemeindeschreiber Affolter, man wolle weitere Infos abwarten, bevor Stellung bezogen wird. Laut Jacques Ganguin vom kantonalen Amt für Wasser und Abfall wurden all jene Gemeinden informiert, in welchen eine Blei-Entfernung prioritär ist. Die anderen Ortschaften dürfen das bleischwere Problem vorerst auf die lange Bank schieben.

 

Dieser Artikel ist im Unter-Emmentaler erschienen. Hier geht es zum PDF.

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